Pimp My Image - die Schönredner kommen.

Für Politiker und andere Fassadenmenschen gehört es seit Urzeiten dazu: das Frisieren, Fälschen, Übertünchen und Gefällig-Machen der eigenen Persönlichkeit. Und Vergangenheit.

Angela Merkel war mal Propaganda-Maus in der FDJ? Fischer hat Steine geworfen, ziemlich oft die falschen Frauen gevögelt und nebenbei die Grünen mit seinen Jungs unterwandert und übernommen? Beides wird man in den Selbstdarstellungen kaum finden. Und auch nicht in den “gepflegten” Massenmedien, die nur den bereinigten gesellschaftlichen Diskurs pflegen und sich meist aufs opportune Eitatei und zugelassene Fragen beschränken.

Doch das Netz vergißt nicht.

Diese Erfahrung machen auch “normale”, anständige Menschen. Und sie machen die Erfahrung, daß Ehrlichkeit und Unverstelltheit ein Problem darstellen können in der freiheitlichen Marktdemokratie. Wertvolle Lernerfahrung.

Du bekommst kein Vorstellungsgespräch, auch nach X Bewerbungen? Nun, das kann u.A. daran liegen, daß Du mal vor ein paar Jahren unter Deinem Realnamen in einem Forum oder erst neulich in Deinem MySpace-Profil politisch Klartext geredet hast - und dabei eine denkfähige Einstellung hast erkennen lassen, die Personaler nicht so schätzen. Das kann auch daran liegen, daß ein paar “peinliche” (was auch immer das sein mag) Photos von Dir im Netz stehen. Oder Du irgendwo zu deutlich Deine sexuelle Ausrichtung preisgegeben hast.

Denn nicht nur Schäubles Schergen überwachen das Netz. Auch immer mehr Personalberater, Arbeitgeber, Versicherungen etc. überprüfen “Kandidaten” zusätzlich durch Online-Recherche.

Und davor haben immer mehr Menschen Angst - denn in Zeiten wirtschaftlicher Ungewißheit hängt für manchen die liebgewonnene “Existenz” vielleicht an einem doofen Photo, das aus dem Google-Cache nicht so ohne weiteres wieder wegzukriegen ist… oder daran, daß man vor ein paar Jahren noch Ideale hatte und diese irgendwo formuliert hat.

Und wer keine Angst hat? - nun, dem wird Angst gemacht. Und eine “Lösung” nahegelegt. Z.B. von MyON-ID (www.myonid.de - kein Link von mir, brrr)

Dort wird mit der Angst vor der Ehrlichkeit und dem neuen Trend zur Fassadenpflege der neue Dienst des Unternehmens beworben: “Reputationsmanagement”.

Da erfahren wir dann Dinge wie:

(zum Thema Suchmaschinenergebnisse zum eigenen Namen)

“In jedem Fall sollten Sie dafür sorgen, dass diese Ergebnisse zu Ihrem Lebenslauf passen.”

Ach so. Ich übersetze mal: wer in seinem Lebenslauf lügt und schönt, der möge darauf achten, daß die Lügen konsistent sind, auch im Netz.

Oder:

“Sie bloggen aktiv und schreiben zudem hin und wieder eine Rezession bei eBay oder Amazon? Wenn Sie derart aktiv im Internet unterwegs sind, dann sollten Sie auch regelmäßig dafür sorgen, daß Ihre Online Reputation einwandfrei ist und sich Ihre Freunde auch im Internet auf Sie verlassen können.”

Mal abgesehen davon, daß die “Rezession” bei Ebay und Amazon relativ wenig angerichtet hat und vermutlich “Rezension” gemeint war: Was für eine Mischung aus Marketingsprech und mieser Angst-Psycho-Masche. Meine Freunde können sich auf mich verlassen, wenn ich an meiner Identität herumschraube?? Blödsinn hoch sieben. Meine Freunde können sich auf mich verlassen, wenn ich Ich bin und dazu stehe. Zu meinen Aussagen, zu meinen Freunden, zu meinen Bildern (auch zu meinem nackten Arsch im Netz), meinen Überzeugungen, zu den diversen Facetten meiner Persönlichkeit. Das ganze Bild.

Angebote wie myONID sind sehr zeitgeisttypisch: präventive Rückgratentfernung, freiwillige Lobotomie, Transformierung von Mensch und Persönlichkeit in ein zu vermarktendes “Image”. Kanten glätten, Bilder retuschieren, und nur noch im Rahmen von Selbstvermarktungskampagnen auffallen.

Das Geschäftsmodell wird sicher Erfolg haben.

Und in den Tiefen des Web und spätestens bei einem Blick in Deine Augen beim ersten Gespräch wird trotzdem klar, wer hinter der sorgsam geschönten “Reputation” steckt.

Daran werden auch die PR-Berater des kleinen Mannes nichts ändern.

Und das ist auch gut so.

Technorati Tags:
, , ,

Kommentar hinterlassen!


-->