Trigami: “Märkte sind Gespräche”? Hier leider nicht mehr.
Trigami vermittelt bezahlte Blogbeiträge, die meist Test- oder Rezensions-Charakter haben. Ich habe diesen Dienst seit ein paar Monaten genutzt, einige Rezensionen geschrieben, auch hier im Blog. Habe guten Content geliefert, Spaß gehabt, ein paar Euro verdient - und fand das Konzept sympathisch.
Bis jetzt. Hier im Plejadia-Blog wird es leider keine weiteren Rezensionen mehr geben, im Ladenblog des Elfenladens ebenfalls nicht.
Was ist passiert? Trigami entwickelt einen gewissen Kontrollfetischismus.
Ich halte diese Werbeform - wenn sie richtig und “anständig” eingesetzt wird - für ideal, integer und interessant, wie ich auch schon an anderer Stelle ausführlich und lobend geschrieben habe.
Das Prinzip: Unternehmen will Feedback und Aufmerksamkeit für ein neues Produkt, seine neue Website, etc. und bucht eine Blog-Kampagne bei Trigami. Thematisch passende Blogs bewerben sich (respektive deren Frauchen/Herrchen), schreiben einen Artikel inkl. Links zum beworbenen Corpus Delicti, und bekommen dafür ein paar Euro, während sie ihr Blog mit wertvollem Content füttern.
Natürlich gibt es solche und solche Blogger - manche lobhudeln, um nur ja jeden Auftrag zu kriegen, manche tippen in zwei Minuten die Presseerklärung ab, manche haben ohnehin außer Trigami (fast) nix im Blog, außer den obligatorischen “Trennbeiträgen”.
Aber andere - mich eingeschlossen - nutzen die bei Trigami gegebene redaktionelle Freiheit, schreiben, wenn es angebracht ist, auch mal knallharte Verrisse, sparen nie mit konstruktiver Kritik, die dem Auftraggeber wertvolle Hinweise für die Verbesserung seines Services/Produktes liefert, und investieren Zeit und Hirnschmalz. Beispiele - diverse hier im Blog und auf meinen anderen Seiten, überall, wo das Trigami-Logo vorangestellt ist.
Dagegen hat niemand was - von den üblichen “Werbung ist böse”-Brigaden mal abgesehen. Und von Google. Aber dazu gleich noch.
Bisher klingt das alles noch sehr positiv, oder?
Ja.
Aber.
Trigami hat ein erfolgreiches Konzept. Man ist schnell gewachsen, neue Mitarbeiter, seit kurzem ist Venture Capital an Bord, man denkt groß.
Wer die Startup-Szene kennt, bewegt jetzt bereits die Hand Richtung Stirn, um eine klatschende Bewegung auszuführen. Und hat Recht damit. Die Höhenflieger denken nicht an Fallwinde, die Bearbeitungszeiten steigen, der Ton wird “professioneller” und man wird seinen Steigbügelhaltern (=Bloggern) gegenüber zunehmend restriktiv und unflexibel.
Selbstverständlich gibt es bei Trigami Regeln. Das ist auch gut so und völlig legitim.
Selbstverständlich müssen bezahlte Rezensionen - zumindest in der Theorie - gewisse formale und qualitative Standards einhalten.
Mit letzterem nimmt man es oft nicht so genau bzw. handhabt das “diskret”, indem entsprechende Blogs intern einen Malus bei künftigen Bezahlungen bekommen - ob das stimmt, ist natürlich nicht nachprüfbar. Unkritische Abtipper sind bequemes Nutzvieh und daher vielleicht gar nicht so ungern gesehen…
Bei den formalen Kriterien meinte Trigami dagegen in den letzten Wochen, die Zügel massiv anziehen zu müssen.
Zitat aus den Regeln für Blogger, die mehrfach verschärft wurden:
5. Keine Werbung in den Rezensionen
Es ist nicht gestattet, externe Werbung im gesamten Inhaltsbereich der Rezension (d.h. zwischen Titel und Ende der Rezension) einzubauen. Insbesondere nicht gestattet ist Inhalt-überdeckende Werbung, Affiliate-Links und kontextrelevante Werbung (z.B. Google-Anzeigen). Für das Schreiben der Rezensionen wird bereits eine Vergütung bezahlt. Es gibt also keinen Grund, zusätzliche Werbung in diesen vergüteten Text einzubauen. Kunden bezahlen für Aufmerksamkeit und Klicks. Werbung lenkt Leser ab und mindert somit die Aufmerksamkeit und die Klicks für den Kunden. Deswegen ist zwischen Titel und Ende der Rezension keine externe Werbung erlaubt.
Dieser Passus, und Stein des Anstoßes bei meinen Blogs, ist natürlich Unsinn - wenn man ihn kleinlich handhabt. Und genau das tut Trigami mittlerweile.
Ich “darf” künftig keine Rezensionen mehr hier im Blog und in meinem Laden-Blog veröffentlichen, weil mein Blog-Layout hier wie dort am Artikelanfang einen AdSense-Block einsetzt.
Nach der alten Regelung war das ok - diese hatte den Sinn, daß die Rezensionen nicht durch Werbung “zerstückelt” werden sollten. Auch das ist ein nicht unbedingt zu rechtfertigender Eingriff in die “Gestaltungshoheit” des jeweiligen Bloggers, außerdem zwingt es einen, für das gesamte Blog z.B. kontextsensitive Amazon-Textlinks abzuschalten, da das bei den meisten Blogsystemen nicht so ohne weiteres artikelweise geht, - aber das war alles noch irgendwie nachzuvollziehen.
Nun aber wurde die Werbungs-Sperrzone auf die Überschrift erweitert, und diese Richtlinie wird künftig rigoros durchgesetzt, wie mir eine ansonsten sehr sympathische Trigami-Mitarbeiterin mitteilte, die “ausnahmsweise” meine letzte Rezension (die zu sportiversum.de) freischaltete.
Was bitte denkt man sich bei Trigami?
Mal ganz abgesehen von der Korinthenkackerei wegen Textanfang bzw. Überschrift - die ganze Argumentation ist Nonsense, was auch im Trigami-Blog bereits diskutiert wurde (die entsprechenden Kommentare konnte ich heute allerdings nicht mehr finden…).
Es sei “unfair”, noch Werbung in den Rezensionen zu plazieren, weil diese ja bereits vergütet worden seien?
Leute, habt Ihr einen Taschenrechner in Basel? ;-) Gut. Dann gucken wir mal: durchschnittliche Vergütung einer Rezension in einem “kleinen” Blog wie meinem liegt irgendwo zwischen 20 und 30 Euro. Größere bekommen mehr, aber da sind auch die anderen Zahlen ungefähr proportional höher.
Der Auftraggeber bekommt also für rund 30 Euro:
- eine bis vier Stunden meiner Zeit.
- Backlinks für mindestens drei Monate, meist aber “lebenslang”, denn die wenigsten Blogs löschen den Artikel später wieder.
- Wertvolle Tips und Feedback, z.B. finde ich bei meinen Rezensionen fast immer ein paar (oft gravierende) Fehler auf der Webseite des Kunden oder gebe qualifizierte Tips, wie das Angebot/Produkt verbessert werden könnten.
- Besucher, die - wenn die Rezension nicht gar zu kritisch war - frohgemut und positiv gestimmt auf der Seite des Auftraggebers eintreffen
- einen ausführlichen Artikel (ich überschreite die Mindestwortzahl meist um ein Vielfaches), der auf Leser um ein Vielfaches mehr und glaubwürdiger wirkt, als irgendeine “Anzeige”.
So, jetzt vergleichen wir mal: ein simpler Textlink (maximal 80 Zeichen + Link, keine Bilder, kein Text, nix) über LinkLift oder Text-Link-Ads kostet bei mir 8-16 Euro pro Monat. Und nach dem Monat oder halt dann, wenn der Kunde nicht mehr verlängert, ist der Link wieder weg.
Oder lieber AdWords? *lach* - man muß nicht lange rechnen, wie viele Besucher der Kunde für diesen Betrag bei halbwegs interessanten Keywords von Google bekäme. Mal abgesehen davon, daß mit Image-Aufbau oder Produkt-Feedback da natürlich gar nichts läuft.
Mit dem, was der Kunde für die (teilweise beachtlichen) Beratungsleistungen, die Trigami-Blogger für ihn erbringen, im normalen Beratungsmarkt oder auch nur für einen Korrekturleser an Stundensatz zahlen müßte, wollen wir mal gar nicht reden.
Oder schon mal versucht, im Printbereich eine redaktionelle Werbung mit Konkurrenzausschluß und Platzierungswünschen für 30 Euro unterzukriegen, selbst bei einem Käsblatt?
Anders formuliert: das, was Blogger für die Rezensionen bekommen, ist ein kleines Zuckerl.
Nimmt man gerne, aber weder reicht es als alleinige Motivation, über ein Thema zu schreiben, noch kann man diese Beträge ernsthaft als Gegenwert zur erbrachten Leistung deklarieren. Und schon gar keinen ausschließlichen Besitzanspruch auf das Blog und seine Gestaltung daraus ableiten…
Das System funktioniert nur, weil viele Blogger sich sagen: “cool, ich bekomme lustige Themen, die mir sonst vielleicht nie aufgefallen wären, kann darüber frei schreiben, baue meinen Content aus und kriege noch paar symbolische Kröten für meine Hosting-Kasse.”
Aber von “unfair” zu reden, weil vielleicht noch ein paar Besucher auf die AdSense-Anzeigen auf der Seite klicken und man dadurch etwas langfristige Einnahmen aus der einmalig unterbezahlten Rezensionsleistung zieht? Für eine Handvoll Euro bestimmen wollen, wie meine Seite auszusehen hat, wann ich nach der nächsten Regeländerung wieder mein Template anpassen soll und ob und wo ich andere Werbung plazieren darf?? Guter Witz.
Zumindest könnte man sich bei Trigami die Mühe machen, von Fall zu Fall die Bloglayouts (auch im Verhältnis zu Qualität/Umfang der Rezensionen) anzusehen und zu entscheiden, ob der Anteil an zusätzlicher Werbung ihnen zu hoch erscheint oder nicht. Wer mit einem AdSense-Block am Textbeginn nicht leben kann, Prinzipien reitet und mir in die Gestaltung meiner Blogs dermaßen reinreden will, der muß seine Marktgespräche jedenfalls künftig woanders führen.
Denn der Versuch, die “Konkurrenz” rauszudrücken und Blogger-Regeln behutsam zu Blogger-Knebeln umzubauen, stößt auf Widerwillen, gerade bei den Bloggern, die durch ihre Eigenständigkeit und Kritikfähigkeit das Trigamikonzept (bislang) glaubhaft machen.
Google versucht ja gerade mal wieder ähnliches - aber die sind ein paar Nummern größer. Und selbst die tun sich damit keinen Gefallen.
Und, liebe Trigami-Leut: Stichwort Google. So ziemlich jeder Trigami-Blogger ist aktuell von Googles unverschämter Pagerank-Abstrafung betroffen oder wird es in Kürze sein. Auch mich hat es erwischt, gründlich. Eine Menge Leute werden bei der Abwägung “höherer Pagerank” gegen “paar Trigami-Kröten” den Pagerank wählen. Ihr solltet darauf achten, Euren Service attraktiv zu halten, statt mit mäßig logischen Regeln und pingeliger Durchsetzung derselben die vorhandenen Sympathien zu verspielen.
Übermorgen erscheint übrigens auf Elvish Rantings noch einmal eine nette Rezension zu einem netten Produkt, dem “WortLicht”. Dort darf ich nämlich noch Trigami-Rezensionen schreiben - denn dort verwende ich ein anderes Layout, und der fette AdSense-Block sitzt über der Überschrift. Ob das für den Auftraggeber besser ist? Sicher nicht. Aber es ist regelkonform…
*kopfschüttel*
P.S.: Kommentare sowohl von Trigami als auch anderen Trigami-Bloggern sind natürlich sehr willkommen!
Technorati Tags:
Abstrafung, Google, Wettbewerbsverzerrung, Trigami
Vorab muss ich klarstellen, dass es seit der Einführung dieser Regel von Anfang an zwischen Titel und Ende des Beitrages hiess. D.h. das wurde nicht geändert.
Ich verstehe Deine Frustration. Wir haben viel - nicht nur Heute - zu dem Thema diskutiert.
Viele Blogger haben einfach den Adsense Banner über den Titel verschoben um den Regeln zu genügen. Noch nie hab ich eine Tageszeitung gesehen die zwischen Titel und und Text des Artikels Werbung hatte.
Unglücklich von unserer Seite ist, a) dass wir nicht von Anfang an daran gedacht hatten und b) dass wir nicht absolut unmissverständlich kommuniziert haben.
> Was bitte denkt man sich bei Trigami?
Wir haben uns gedacht, dass es unfair wäre, wenn ein Trigamist, der Super Arbeit abgeliefert hat - das Review war Super - nur deshalb nicht bezahlt wird, weil er nicht willens ist seine Adsense Anzeigen nach unseren Regeln zu positionieren.
Ich verstehe Deinen Unmut, aber es handelt sich dabei um einen Grundsatzentscheid. Wir haben entschieden, dass externe Werbung zwischen Titel und dem Ende der Rezension nicht zulässig ist. Das Problem mit Ausnahmen und Kulanz ist, wo ist der Massstab und wer setzt ihn?!? Wir müssen eine Regel haben die für alle Fälle anwendbar ist. Wenn wir ständig Ausnahmen machen, kommen bald andere Blogger, “aber der hat ja auch…”. Wie sollen wir das lösen?
Das Problem an Deinem Blog ist, dass es eher wenig Reichweite hat. Du hast aber dermassen gute Rezensionen geschrieben, dass Deine Vergütung kontinuierlich gestiegen ist. Nur weil Du verdammt gut bis in dem was Du machst, kann ich die Regel für Dich nicht ignorieren.
Wenn, dann müsste man die Regeln in einem zweiten Schritt so anpassen, dass Du den obersten Adsense-Blog links unter dem Titel behalten könntest. Ich kann nicht sagen, ob und wie die Regeln bzgl. dieser Werbung in Zukunft verändert werden, aber ich kann Dir versichern, dass wir dieses Thema weiter diskutieren werden.
Alternativ wäre evtl. ein Wordpress Plugin nötig, mit welchem man pro Beitrag die Adsense abschalten könnte. Allerdings geht es ja nur um einen der drei…
Danke für das ultraschnelle nächtliche Feedback, Alain - das gehört immer noch zu Euren Stärken! ;)
Die Korrektur bezüglich Titel/Textanfang stimmt, das habe ich mit den Debatten in Eurem Blog verwechselt, wo es um die Auslegung ging.
An der grundsätzlichen Problematik ändert das allerdings nichts - ebensowenig wie es etwas ändern würde, wenn meine Blogs stärker frequentiert wären und dementsprechend die Vergütung höher.
Es geht generell darum, ob und wieweit jemand, der Werbung schaltet, Konkurrenz verbieten und Einfluß auf die Gestaltung des Werbeträgers nehmen kann.
Da liegt Ihr falsch für meinen Geschmack - aber das ist selbstverständlich Eure Sache.
Daß bei Euch sinnvolle Diskussionen ablaufen und Ihr insgesamt bislang einen relativ sauberen Kurs fahrt (siehe die Entscheidung, daß grundsätzlich in Rezensionen auch auf Konkurrenten des Auftraggebers verlinkt werden kann) bestreite ich übrigens auch nicht.
Deshalb habe ich auch nicht meine Mitgliedschaft gelöscht, sondern nur die beiden Blogs, die mit für Euch problematischer AdSense-Plazierung arbeiten, stillgelegt, bis sich die Regeln beruhigt haben… Im Shopblog ist es übrigens noch schlimmer, *lach* - da habe ich einen alternierenden Block, mal klein, mal groß, mal rechts, mal links… ;-)